Keep it simple, stupid!
Text-Editor statt Office-Anwendung

Ich hasse Word! Und das, obwohl – oder vielmehr gerade weil ich jeden Tag mit Texten arbeite. Fairerweise trifft mein Zorn nicht Microsofts Office-Anwendung allein. Ich mag auch Pages, Open Office, Libre Office oder Papyrus nicht wirklich. Und ich habe sie (fast) alle gehabt!

Uralter Horror

Unlängst wollte ich meine erste Hausarbeit nochmals durchlesen (eine Filmanalyse über Murnaus »Nosferatu – Phantom der Nacht«). Die Datei hat sowohl jeden physischen Umzug (von der Studentenbude unterm Dach bis ins Eigenheim) als auch digitale plattformübergreifende Wechsel (486er Windows-Kiste über Suse-Linux bis zum MacBook Air) mitgemacht.

Doppelklick: »Programm konnte nicht gefunden werden.« Manuell geöffnet: Willkommen in der Sonderzeichenhölle. Rumprobiert. Konvertiert. Ausgeflippt. Irgendwann: immerhin halbwegs lesbarer Text. Layout total zerschossen. Dafuq.

Fairerweise muss ich gestehen, dass der Inhalt der Arbeit vielleicht sogar besser ganz ungelesen geblieben wäre …

Gewaltenteilung

Aber man lernt ja dazu: Es ist einfach Unfug, alles in einem Aufwasch erledigen zu wollen und auf ein ewiges Leben der Datei zu hoffen. Daher läuft mein Workflow für Texte wie folgt ab:

  1. Den Text als Plain-Text (d. h. ohne Formatierungen, ohne eingebundene Grafiken) im Texteditor erstellen
  2. Den Text anschließend in einem Layoutprogramm aufhübschen (lassen)
  3. Fertige Druckdatei als PDF speichern

Somit habe ich in aller Regel von einem Text drei Dateitypen: Eine Plaintext-Datei, eine Layout-Datei (z. B. InDesign, Word-Dokument) und eine »fertige« Datei, meist ein PDF.

Natürlich ist das mehr Aufwand, wenn man es gewissenhaft und sauber betreibt (ein Rechtschreibfehler, der erst in der Druckdatei gefunden wird, muss sowohl im Layoutprogramm als auch im Plain-Text verbessert werden).

Dafür schafft man sich den Vorteil, unabhängig von (teils proprietärer) Software zu sein. Plain-Text-Dateien werden immer lesbar sein, solange ein Computer zur Verfügung steht. Stehen uns keine Computer mehr zur Verfügung, haben wir wohl eh ganz andere Probleme …

Willkommen im Atomzeitalter

Als Texteditor verwende ich Atom. Die Software ist Open Source und kostenlos. Man kann sich den Editor auf seine Bedürfnisse anpassen. Bei mir heißt das konkret: individuelle Shortcuts definieren, um per Tastenkombination Textauszeichnungen vornehmen zu können wie z. B. das Einfügen von HTML-Tags oder Markdown-Befehlen.

Apropos Markdown: Markdown ist eine ebenso einfache wie geniale Art, um Auszeichnungen im Text vorzunehmen. Man kommt eben um Kursivsetzungen, Überschriften oder Fußnoten in seinen Texten nicht drumrum. Schön, wenn der Quelltext eines Dokuments dann aber immer noch lesbar bleibt und nicht bis zur Unlesbarkeit aufgeblasen wird.

»Die Idee hinter Markdown ist es, Text so einfach wie möglich zu lesen, zu schreiben und zu bearbeiten.«

Sich in die grobe Struktur von Markdown einzuarbeiten sollte keine halbe Stunde dauern. Do it! Mehr Infos finden sich bei der Quelle des Zitats unter http://markdown.de.

Gute Texte brauchen kein Chi­chi

Darum geht es hier im Kern: Die bewusste Trennung zwischen Publikationsformaten und Schreibformaten. Klar, alle wollen so schnell wie möglich eine fancy Website, einen schicken Flyer oder ein dickes Buch in den Händen halten. Und dank der Office-Anwendungen ist die Versuchung groß, ganz schnell vom Wesentlichen abzulenken: vom Text! Da wird formatiert, ausgerichtet, bunt gemacht, Schriftarten und -größen geändert. Das alles oft ohne saubere Formatvorlagen, sondern individuell für jedes einzelne Wort. Und schon geht vor lauter Auszeichnerei der Blick auf die simpelste Textstruktur verloren, Sätze verlieren sich im Nirgendwo, selbst offensichtliche Rechtschreibfehler werden vom Autor gar nicht mehr wahrgenommen.

Aber trotzdem!

Wenn der Text fertig ist, lasse ich es mir auch gefallen, ihn mithilfe von Word & Co zu pimpen, um ein PDF für die Veröffentlichung zu erstellen. Meist übernimmt die Aufgabe dann aber doch eh ein Grafiker in der Agentur. Weil: Ein in Word erstelltes Leporello sieht doch eher irgendwie … shice aus. Aber für den Aushang im Kindergarten wird’s allemal reichen.

Und jaaaa, ich kann auch verstehen, dass es manchmal sinnvoll ist, gleich im Layout-Programm zu schreiben. Mach ich auch, wenn es ganz dolle schnell gehen muss und ich mir ganz sicher bin, dass ich keinen einzigen Textschnipsel aus dem Dokument jemals wieder brauche und gleich was auf die Briefpapiervorlage krickelkrackele.

Und klar, bevor die Haters durchdrehen: die Office-Suiten haben ihre Existenzberechtigung dank zahlreicher Special-Features.

Ich sage: Wer seinen Fokus auf das reine Texten legt, der ist mit einem schlichten Editor sehr gut beraten.